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​Kongress zum 100. Geburtstag​ Paulo Freires

Universität Salzburg: Dialog und Befreiung in einer digitalen Zukunft

von Joachim Dabisch

Vom 14. bis 16. Oktober fand der 3. Freire-Kongress an der Paris Lodron Universität zu Salzburg statt. Eingeladen hatten neben der Paulo Freire Kooperation das Paulo Freire Zentrum Wien, das Bundesland Salzburg, die österreichische UNESCO Kommission, Intersol Salzburg, das Friedensbüro Salzburg, die KHG Unipfarre Salzburg sowie Vertreter der Universität Hamburg, der Fachhochschule Erfurt, der Universität Koblenz-Landau, der Western Norway University, der Universität Thessaly, der University of the Peloponnese, der Democritus University of Thrace und der Projektgruppe Empirische Migrationsforschung Salzburg.

Hervorragend organsiert wurde die Konferenz von Prof. Wassilios Baros von der Universität Salzburgund seinem großartigem Team. Die weise Voraussicht, hybride Veranstaltungstage wegen unsicherer Inzidenzwerte während der Corona Pandemie vorzubereiten, hat diese herausragende Tagung zu einem Erfolg gemacht. Über 50 Vorträge konnten somit entweder in Präsenz oder online im Internet begleitet werden. Die Internationalität dieser Veranstaltung von Brasilien über Europa bis China beweist einmal mehr die Universalität der Befreiungsgedanken Paulo Freires.

Der Salzburger Kongress setzt die Reihe erfolgreicher Freire-Kongresse im deutsch-sprachigen Raum fort, so des ersten Freire-Kongresses in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Institut für Menschenrechte und der inhaltlichen Gestaltung durch Claudia Lohrenscheit und Bernd Overwien an der Universität Oldenburg und eines zweiten Freire-Kongresses an der Universität Hamburg und der inhaltlichen Gestaltung von Heinz Peter Gerhardt, Dietlinde Gipser und Heiner Zillmer.

Bei Interesse konnte man sich in Salzburg online in verschiedene Vorträge einklinken oder in Präsens diese persönlich in Seminarräumen besuchen. In neun teilweise parallel laufenden Sektionen wurden Ausführungen zu unterschiedlichen Bereichen wie beispielsweise Kritische Pädagogik und Befreiung, Diversität, Inklusion und Empowerment sowie School, Literacy and Equality dargeboten.

So trug Christel Manske aus Hamburg einen tief beeindruckenden Beitrag vor. Angeleitet von den Theorien der kognitiven Entwicklung des sowjetischen Psychologen Lew S. Wygotski und der hellsichtigen Klarheit des brasilianischen Befreiungspädagogen Paulo Freire gelingt es Christel Manske immer wieder, tief behinderten Menschen, vor allem Kinder, zu einem großartigen Selbstwertgefühl zu führen. Vor Jahren brachte das Deutsche Fernsehen eine Filmreihe über Manske Arbeit an den Elbe-Werkstätten in Hamburg: „Lernen können ja alle Leut’”.

Beeindruckend in ihrem Vortrag war die Darstellung eines taubstummes Mädchen in Nikaragua. Durch das Erfühlen der Vibrationen ihrer Stimmbänder gelang es ihr das Sprechen zu erlernen. Vor einem großen Publikum mit vielen Honoratioren stellte sie auf einer großen Bühne ihre neu erlernte Fähigkeit zu sprechen dar. Nach ihrem Beitrag erhoben sich die Zuhörer und spendeten tief beeindruckt dem kleinen Mädchen Beifall.

Weitere Sektionen des Freire Kongresses beschäftigten sich mit der Öko(theo)logie der Befreiung, der Befreiungspädagogik und ihrer Verbindung zur Befreiungstheologie sowie mit transformativer und befreiender Soziale Arbeit. Die Sektionen 7 bis 9 beinhalteten die Verbindung von Digitalisierung und Lebenswelten in der Erwachsenenbildung, die Frage der Solidarität sowie die Problematik globaler Krisen wie der augenblicklichen Coronakrise.

Beeindruckend war auch der Vortrag von Manfred Peters aus Namur (Belgien). Er gab eine Zusammenfassung seiner Arbeit im frankophonen Afrika. Viele Jahre lang hat er im frankophonen Afrika Bildungsprojekte mit den Ideen Paulo Freires angeregt und begleitet, was ihm hohe Anerkennung auch an der Friedensuniversität Namur erbrachte. Zusätzlich war er Wegbereiter der Europäischen Arbeitsgruppe Bewusstseinsbildung, einer Vereinigung verschiedener Gruppen aus Belgien, den Niederlanden, Spanien, Frankreich, Italien, der Schweiz und Deutschland, die sich vorwiegend mit den Ideen Paulo Freires beschäftigten.

Die jährlichen Seminare der Europäischen Arbeitsgruppe in Walberberg bei Köln waren eine Anlaufstelle für Praktiker und Intellektuelle, um sich mit Freires Ideen zur befreienden Bildung auseinanderzusetzen. Aus den Begegnungen des Arbeitskreises Freire in der AG SPAK unter Leitung von Heinz Schulze und anderen Interessierten ist die Paulo Freire Gesellschaft entstanden und später die Paulo Freire Kooperation, die seit 25 Jahren erfolgreich arbeitet.

Neben den Vortragssektionen gab es in Salzburg Schlüsselvorträge als verbindende Elemente mit folgenden Themen:

  • Walter Omar Kohan (Rio de Janeiro): Paulo Freire more than (n)ever?
  • Christel Adick (Bochum): Paulo Freires Pädagogik in Zeitalter der Nachhaltigkeitsagenda
  • Joachim Schroder (Hamburg): Hundert Jahre Einsamkeit? Das Narrativ der Befreiung und die Verstrickungen postkolonialer Pädagogik
  • Rita Bracjhes-Chyrek (Bamberg): Kindheit und kritische Sozial Arbeit
  • Christine Zeuner (Hamburg): Aspekte einer gerechtigkeitsbewussten kritischen Erwachsenenbildung. Überlegungen im Anschluss an Oskar Negt

Weiterhin lassen sich zahlreiche andere Beiträge nennen, unter anderem von Kira Funke, Gerald Faschingeder, Norbert Mette, Dirk Oesselmann, Claudia Lohrenscheit, Jutta Lütjen, Solvejg Jobst, Arnold Köpcke-Duttler, Ronald Lutz, Hans Eder und anderen, auch der griechischen Freunde von Wassilios Baros. Insgesamt war dieser Kongress mit mehr als 50 Beiträgen reichlich bestückt.

Es würde den Rahmen dieses kurzen Beitrags zum Salzburger Kongress sprengen, jeden Beitrag einzeln zu nennen, daher sei schon hier auf die geplante Publikation der Tagungsbeiträge unter Federführung von Wassilios Baros und seinem Team verwiesen. Darauf lässt sich mit Spannung warten.


Dieser Beitrag erschien in der Dialogischen Erziehung 3-4/2021.

Die Webseite zum Kongress ist hier zu erreichen: http://paulofreire100jahre.sbg.ac.at/dokumentation-documentation/

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