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Der Lotse geht von Bord.

Zum Wechsel des Dialogische-Herausgebers

von Heinz-Peter Gerhardt

und Heiner Zillmer

Der Lotse geht von Bord“, hätte er wohl auch in ironischer Selbsteinschätzung geschrieben. Aber es ist in der Tat soweit: Joachim Dabisch gibt mit diesem Heft die Herausgeberschaft der Dialogischen Erziehung an Thomas Friedrich, den Vorsitzenden der Paulo Freire Kooperation weiter.

Die D.E. wird dem Sachgebiet Wissenschaft und Bildungsforschung zugeordnet. Im Deutschen Bildungsserver lesen wir: „Die Dialogischen Erziehung erscheint vierteljährlich. Sie ist Forum der Auseinandersetzung mit der Pädagogik Paulo Freires. Im Vordergrund stehen dabei Re-zeption und Adaption seines Werkes. Ergänzend erscheinen in unregelmäßigen Abständen Berichte von sozialen Brennpunkten in aller Welt1.

Wir, langjährige Mitgestalter der Zeitschrift, fühlen uns geehrt. Genau das hatten wir im Sinn, als wir im Herbst 1996 erst die Paulo Freire Kooperation e.V. als wissenschaftliche Gesellschaft gründeten und noch in dem selben Jahr, im Winter vor 25 Jahren, die D.E. aus der Taufe hoben: in Oldenburg, mit Joachim damals an der Spitze von Verein und Zeitschrift. Oldenburg (Oldenbg.) bot als norddeutsches Zentrum wohl ein gutes Ambiente für das Projekt. Heißt es doch, dort seien Zuverlässigkeit, Tatkraft und Zielstrebigkeit zu Hause. Und Gastfreundschaft, auch für weither Gereiste, wie den Brasilianer Paulo Freire. Nicht zuletzt hat die Carl-von-Ossietzky-Universität zu Oldenburg Paulo Freire die Ehrendoktorwürde verliehen.

Die Rezeption von Paulo Freire in Deutschland konnten wir gut begleiten. Die D.E. wurde zur Zeitschrift, in der Bachelor- und Master-Studierende, Doktorandinnen und Doktoranden sowie Forscherinnen und Forscher Zusammenfassungen ihrer Qualifikationsarbeiten und wissenschaftliche Beiträge zu Paulo Freires Theorie und Praxis weltweit vorstellen. Sie fanden gleichzeitig eine günstige Veröffentlichungsmöglichkeit im ebenfalls von Joachim Dabisch geleiteten Paulo Freire Verlag.

Es folgten Themenhefte, in denen Gastherausgeber Beiträge zu Themenschwerpunkten einwarben. Es gab Hefte über Straßenkinder, Befreiende Pädagogik, Kinderrechte, kritische Theologie, Menschenrechte, Arbeit mit Flüchtlingen und Dritte-Welt-Themen, um nur einige Schwerpunkttitel zu nennen. Rezensionen waren eine aufmerksam gelesene Rubrik der Zeitschrift, eine Rubrik, die bis dato von Jos Schnurer, dem belesenen und geehrten Hildesheimer Rezensenten, betreut wird. Nun zieht sich Joachim Dabisch von der Herausgeberschaft zurück.

Regelmäßig führte er in die D.E.-Hefte ein und nahm auch selber in Diskussionsbeiträgen und kritischen Artikeln an der Wiederfindung und Weiterentwicklung von Paulo Freires Theorie und Praxis in Deutschland und anderswo teil. Erwähnenswert sind seine Beiträge Der Bewusstseinswandel katholischer Intellektueller in Südamerika, in D.E. (1999) 1: 18-20; Traurige Inklusion in D.E. (2015) 1-2: 20-24; Migration und Fremddefinition in D.E. (2016) 1-2: 42-48.

Seine wohl meist zitierte Intervention handelte nicht von ungefähr von seinem ureigenen Praxisbereich, dem Lehrerberuf und der Lehrerausbildung. Der Artikel trug den Titel Der Lehrer als Kellner (2014) 3-4: 12-22. Er geißelt hier die Reduktion der Lehrpersonen auf eine jederzeit austauschbare Servicekraft: Keine Teilnahme an der Entwicklung des Lehrplans und der Art und Weise der Evaluierung. Um in der Sprache der Gastronomen zu bleiben: Speisen, Speiseplan; ja, die Bewertungskriterien der Menu-Kritik selbst werden vorgegeben. Das war denúncia in bester Tradition unseres Namensgebers Paulo Freire.

Wir freuen uns auf den Unruhestand mit Joachim: Er wird bereits auf der Konferenz zu Paulo Freires 100. Geburtstag an der Universität zu Salzburg erneut die Gelegenheit nutzen, Freire in das erziehungswissenschaftliche Theoriegebäude einzuarbeiten: auf einer Ebene mit Freinet, Makarenko, Korczak, Dewey, Piaget und Vygotsky als Wegmarken. Auf der Grundlage des Freire‘schen Dreiklangs von Dialog, Situation und praktischer Umsetzung setzt sich Joachim seit langem für die Entwicklung eines Zertifikats für pädagogisch-dialogisches Arbeiten und Unterrichten nach Paulo Freire ein. Wir können gespannt bleiben.

1 https://www.bildungsserver.de/onlineressource. html? onlineressourcen_id=16599 aufgerufen am 8.9.2021


Dieser Beitrag erschien in der Dialogischen Erziehung 3-4/2021.

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