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20 Jahre der Paulo Freire Kooperation e.V.

von: Dr. Joachim Dabisch

Paulo Freire (1921-1997), der promovierte Jurist, gewerkschaftsnahe und basis-christliche Volkserzieher, der fast prophetische Pädagogikprofessor hat Hoffnungen geweckt und bestärkt wie nur wenige Menschen in seinem Jahrhundert. Mit seinem dialogischen Prinzip, das zurecht an Martin Buber und John Dewey erinnert, hat er neue Wege der Lernbeziehungen gezeigt. Seine Arbeit stärkte weltweit demokratische Basisprozesse. Er war der Pädagoge der Unterdrückten, der Besitzlosen und vermittelte eine Pädagogik der Hoffnung. Die Sozialpastoral Lateinamerikas und die Theologie der Befreiung wurden von ihm stark beeinflusst. Er entwickelte ab 1962 seine psychosoziale Alphabetisierungsmethode mit interdisziplinärer Begleitforschung, mit der innerhalb von 40 Unterrichtsstunden Lesen und Schreiben erlernt werden konnte. Diese Methode machte Paulo Freire berühmt und bei den Diktatoren Brasiliens verhaßt, sodass er 1964 für 7 Wochen inhaftiert war und anschließend aus seinem Land ausgewiesen wurde. In Chile, wo er Asyl fand, erarbeitete er für die UNESCO ein ähnliches Alphabetisierungsprogramm. Nach Harvard in die USA zur Gastprofessur 1968/9 eingeladen erlebte er fruchtbare diskursive Kritik und Reflexion. Der Weltkirchenrat in Genf war ihm ab 1970, besonders nach dem chilenischen Militärputsch 1973, lange Zeit eine neue Heimat. Von dort unterstützte er als Bildungsberater die jungen, aus portugiesischer Kolonialherrschaft befreiten Staaten Afrikas (insbes. Guinea-Bissau, Kapverden) und den Bildungskreuzzug im neuen Nicaragua. Als letzter Exilierter der Militärdiktatur konnte Paulo Freire 1980 wieder nach Brasilien heimkehren. Er war Mitbegründer der stärksten politischen Gruppierung, der Partei der Arbeiter (PT), schloß sich den Arbeitsgruppen des Kardinal Arns an und übernahm wesentliche Aufgaben im brasilianischen Bildungssektor.

Freires theoretischen Überlegungen sind in erster Linie aus eigenen praktischen Anwendungen und der frühen familiären Erfahrung des Hungers entstanden. Freire entwickelte in diesem Spannungsfeld seine ersten Gedanken, mit denen er später seine erfolgreiche Methode der humanisierenden Alphabetisierung und der Kulturzirkel beschreibt. „Ich bin in meiner Jugendzeit zu den Landarbeitern und Industriearbeitern in meinem Land gegangen, getrieben ohne Zweifel von meiner christlichen Bildung. Als ich anfing zu arbeiten, veranlassten mich die Lebensbedingungen dieser Klassen, Marx zu studieren… Als ich mich mit Marx befasste, fand ich keinen Grund, in der Suche nach Christus aufzuhören.“

Seine begründete Verwurzelung sowohl im Marxismus als auch im katholischen Christentum war ein Resultat der Diskussionen brasilianischer Aufklärer des Movimento de Cultura Popular. In diesem Zusammenhang wird im Rückgriff auf Hegels Dialektik der Begriff conscientização geprägt. Dieses Wort entwickelt ziemlich bald eine Eigendynamik. Ursprünglich im Sinne von „Bewusstwerdung“ innerhalb des MCP benutzt, führt erst die Berührung mit Paulo Freire und seiner Methode zu einer spezielleren Bedeutung von conscientização, durch die eine kritische Erkenntnis der Realität ermöglicht wird, der Stellung des Einzelnen zu sich selbst, zu seiner Wirklichkeit und Weltumfaßtheit.

Für Paulo Freire hat die kritische Erkenntnis der Realität notwendigerweise eine politische Dimension. Die gesellschaftlichen Verhältnisse eines Landes sind immer Resultate menschlichen Handelns und deshalb auch veränderbar. Seine Theorie politischen Handelns fasst er zu dem Begriff kulturelle Aktion zusammen: d.h. hier differenziert er zwischen der Aktion der Erziehung, die ein politisches Bewusstsein entwickelt, und der eigentlichen Aktion des politischen Handelns. Im Dialog vollzieht sich ein Erkenntnisakt zwischen dem Wissen um die tatsächlichen gesellschaftlichen Verhältnisse und dem daraus generierten Wunsch nach Veränderung dieser oft unguten Verhältnisse. Auf höherer Ebene wirkt diese Spannung als Motor, genannt kulturelle Aktion.

Da Freire den Erziehungsprozess eng verflochten mit dem eigentlichen Prozess politischen, bürgerschaftlichen Handelns sieht, leitet er daraus unterschiedliche Erziehungsformen ab. Einerseits wird ein Gesellschaftssystem, das auf Verharrung, auf die Unveränderbarkeit des passiven Soseins ausgerichtet ist, den Erziehungsprozess lediglich zur nur einseitigen Vermittlung von Wissen nutzen. Freire bezeichnet diese Situation als die concepcion bancaria, das Verhältnis zwischen dem `Bankier´ Lehrer und dem `Kreditnehmer´ Schüler. Auf der anderen Seite kann Lernen auch Begegnung sein, worin Erkenntnis nicht übertragen, sondern auf dialogische Weise gemeinsam gesucht wird. Freire nennt dies die concepcion problematizadora. Selten ist in der erziehungswissenschaftlichen Literatur das immer politisch gerichtete Verhältnis zwischen Erziehungsprozess und gesellschaftlichen Verhältnissen deutlicher herausgestellt worden. Der Lehrer ist (unbewußt) immer auch ein politischer Lehrer, selbst wenn er sich politischer Äußerungen enthält.

Für viele Menschen ergeben sich soziale Ungleichheiten. Wer nicht die Lebenssituation der Menschen mit ihren generativen Begriffen berücksichtigt, wird keine Lösungswege erkennen können. Der Ruf nach größerer Kontrolle, totalen Institutionen, langen Schulzeiten wird nie die Sehnsucht der Kinder und Jugendlichen (oder auch der `Großen´) nach Wärme, Verständnis und Geborgenheit erfüllen können. Nur eine an konkreten Problemen orientierte Methode, eine vertiefte Qualitätsverbesserung pädagogischer Arbeit und eine dialogorientierte Hinwendung zu den Menschen können wenigstens ansatzweise zu gerechteren Lösungen führen. Viele Wege im 20. Jh. haben in die Irre geführt. Möglicherweise gibt es gar keinen idealen Weg. Diejenigen, die sich selbst als menschlich, also auch suchend akzeptieren und ihre Mitmenschen bei dem Vorhaben, ihr Glück oder ihren Frieden zu finden, unterstützen, werden in der dialogischen Methode Paulo Freires ein geeignetes Hilfsmittel erhalten, mit dem sie zumindest die richtigen Fragen stellen können. Die Bereitschaft zum offenen Dialog, die Liebe zu den Menschen, der Glaube an die Bestimmung zum Sein und an die Veränderung ungerechter gesellschaftlicher Zustände sind unverzichtbare Wesenselemente einer befreienden Pädagogik.

Die Transformation des gesellschaftlichen Bewusstseins hin zu einem kritischen Bewusstsein jedes einzelnen Menschen ist das zentrale Element der Pädagogik Paulo Freires, wobei es unerheblich ist, welcher Kultur, welcher Nationalität oder welchem Sprachkreis ein Mensch angehört oder welcher persönlichen Neigung er nachgeht. Die Paulo Freire Kooperation e.V., eine wissenschaftliche Gesellschaft, gebildet 1996 an der Universität Oldenburg, ist ein internationaler Zusammenschluss von Menschen, die sich an den Ideen Paulo Freires orientieren und den Weg einer dialogorientierten Gesellschaft gehen wollen. Dazu bedarf es vieler Meinungen und tatkräftiger Initiative, um gemeinsam das Ziel einer humanen und freien Gesellschaft zu erreichen. Willkommen sind alle, die sich auf eine Pädagogik der Hoffnung einlassen möchten und die versuchen, befreiende Bildungsarbeit zu realisieren.

(Febr. 2017, Redaktion Dr.Thomas Friedrich)

# Zeitschrift Dialogische Erziehung; seit 1996, hrsg. v. PFK-e.V. Oldenburg

# Freire-Jahrbuch 1 bis 22; seit 1999, hrsg. v. Joachim Dabisch, Freire-Verlag Oldenburg

H.E. Tenorth (Hrsg): Klassiker der Pädagogik Bd.2. Von John Dewey bis Paulo Freire. C.H.Beck, München 2003

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