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Jutta Lütjen
Die Aktualität der Befreiungspädagogik Paulo
Freires – In Zeiten Vermessener Bildung

Mit Einführung der outputorientierten Bildungssteuerung in den 90er Jahren fand eine
Verkürzung der Bildungspolitik auf kontrollierbare, funktionelle Ergebnisse von Lernprozessen
statt. Kontexte und Inhalte verloren damit ihre Bedeutung. Dem gegenüber werden
insbesondere in jüngster Zeit zunehmend kritische Stimmen laut. Das prominenteste Beispiel
bildet der aktuelle offene Brief[1] des Interdisziplinären Zentrums für Bildungsforschung der
Humbold-Universität-Berlin gegen eine Verengung des Bildungsdiskurses und ein
monomethodisches Bildungsmonitoring: „Messen macht noch keine Bildung“ als Kritik an der
Empfehlung der ständigen wissenschaftlichen Kommission (Izbf).
Mit dieser Kritik gewinnt die Befreiungspädagogik Freires mehr denn je an Aktualität.
Freire entwickelte seine Befreiungspädagogik als ein Erziehungsprinzip der Bewusstmachung,
um ›verstummte Menschen‹ in die Sprache zu bringen und somit von Fremdherrschaft zu
befreien. Diese Erziehung zur Selbstbefreiung fordert traditionelle Bildungssysteme heraus.
Freire entdeckte zunächst eine ›Kultur des Schweigens‹ in Brasilien und zeigte damit aber
weltweite Phänomene und Kausalzusammenhänge auf, die mit dem ›Verstummen‹
unterdrückter Menschen einhergehen.

Seine mit der Befreiungspädagogik einhergehende Alphabetisierungsmethode wurde
anfänglich für die durch Großgrundbesitzer unterdrückten Landarbeiter in Brasilien
durchgeführt. Dass Freire zunächst kein Interesse an der westlichen Kultur hatte, wird dadurch
deutlich, dass er diese „als verliebt in den Tod, ins Verdinglichen, Besetzen und Besitzen“ ansah
(Lange in Freire 1981[1970], S. 9ff.). Aber durch seine Intention, Problemen unterpriviligierter
gesellschaftlicher Gruppen mit dem Ziel zu begegnen, ›conscientização‹, d.h.
Bewusstwerdungsprozesse im Hinblick auf autonomes Handeln zu ermöglichen, sollte er
gerade heute nicht nur für Lateinamerika, sondern auch für die westliche Kultur und
darüberhinausgehend, weltweit von Interesse sein.
1921 wurde Freire in einer kleinbürgerlichen Familie in Recife geboren. Schon früh erlebte er
durch die Weltwirtschaftskrise 1929 was Hunger ist und widmete seine Zukunft schon als Kind
dem Kampf gegen den Hunger. Als späterer Jurist erkannte er aber dann, dass er auf diese
Weise seinem Ziel nicht treu bleiben konnte, weil das Recht auf Seiten der Unterdrücker lag.
Somit brach er seine juristische Laufbahn ab und wurde Lehrer, wobei er zwischen 1946 und
1954 die Abteilung für Erziehung und Kultur der SESI (Sozialdienst von Pernambuco) leitete.
Dabei entdeckte er durch seinen Kontakt zum Volk die ›Kultur des Schweigens‹, die für ihn
mit einer wirtschaftlichen, sozialen und politischen Unterdrückung zusammenhing. Um die
Verarmten zu befreien, entwickelte er eine ganz eigene Methode der Alphabetisierung. Denn
bei 15 Millionen Analphabeten fehlten 70-75% der brasilianischen Bevölkerung das Wahlrecht.
Freire wollte somit durch die Kopplung von Befreiungspädagogik mit
Alphabetisierungskampagnen die Herrschaftsstrukturen seiner Gesellschaft verändern und
benachteiligten Menschen zu mehr politischer Macht und einem besseren Leben verhelfen.
Seine Alphabetisierung sollte Menschen also nicht nur das Wahlrecht ermöglichen, sondern als
Werkzeug dienen, ihre Situation besser zu durchschauen. Freire war davon überzeugt, dass die
erzieherische Praxis mit dem Erkenntnisprozess des Menschen gekoppelt sein muss und
wendete den Ausdruck ›conscientização‹ – Bewusstseinsbildungsprozesse – somit auf die
Erziehung der Analphabeten an. Dadurch entstand Aufbruch, Veränderung und somit
Befreiung von Fremdbestimmung.
Seine Trainingskurse für Alphabetisierungskoordinatoren wurden bis zum Militärputsch 1964
von der brasilianischen Regierung unterstützt. Schon zu diesem Zeitpunkt stand für Freire fest,
dass Erziehung niemals neutral sein kann und entweder ein Instrument zur Befreiung des
Menschen oder ein Instrument seiner Domestizierung ist. Das verdeutlicht Freires politische
Relevanz. Somit verwundert es nicht, dass mit dem Putsch auch die Arbeit Freires beendet
wurde. Nach seiner Inhaftierung wurde er verhört, als Verräter angeklagt, zu 70 Tagen Haft
verurteilt und nach Chile ins Exil geschickt. Etwas sarkastisch schildert Freire, worin sein
Verbrechen bestand, nämlich, dass er Bildung nicht als ein mechanisches Problem behandelte,
sondern mit der gefährlichen ›conscientização‹ verband und somit statt diese als weiteres
Instrument zur Unterdrückung einzusetzen, zur Befreiung nutzte (vgl. Freire 1977, S. 62). Nach
seiner Entlassung aus dem Gefängnis, bat Freire die bolivianische Botschaft um Asyl und
emigrierte nach Chile. Als Bildungsexperte arbeitete er dann von 1964 bis 1969 mit der
UNESCO sowie dem Büro ›Planung für Erwachsenenbildung‹ zusammen. Seine Methode
wurde hier schnell angenommen. Von der UNESCO wurde Chile dadurch sogar als eines der
fünf Länder bezeichnet, die das Analphabetentum am besten überwunden hatten. 1969/70
wurde Freire Gastprofessor an der Harvard-Universität in den USA und außerdem Berater der
Abteilung für Bildungsfragen des Weltkirchenrates in Genf.
Freire lebte sowohl in Chile als auch in den Vereinigten Staaten sowie der Schweiz.
Alphabetisierungsprojekte koordinierte er in Tansania, Guinea-Bissao, Angola, Mosambik, Sao
Tomé und Principe. Seine theoretischen Ausführungen wurden durch die Erfahrungen der

ersten Aufklärungskampagnen initiiert und im Auftrag des Weltkirchenrates in Genf in eine
Vielzahl von weiterführenden Programmen in Lateinamerika und Afrika übersetzt. Als er 1980
wieder nach Brasilien zurückkehrte, arbeitete er dort nicht nur an Universitäten, sondern auch
in Sao Paulo als Erziehungsminister. Elza Maria Costa da Oliveira, seine erste Frau und enge
Mitarbeiterin, starb 1986. Der letzte seiner 23 Ehrendoktortitel sollte im Juli 1997 an der
Universität Oldenburgs verliehen werden, musste allerdings von seiner zweiten Frau Ana Maria
Araújo entgegengenommen werden, denn Freire starb ganz plötzlich im Mai 1997 im Alter von
75 Jahren.
Der antidialogischen Kultur des Schweigens stellt Freire in seiner Befreiungspädagogik den
problemorientierten Dialog entgegen und zeigt damit Wege zur Mündigkeit des von Geburt an
durch seine Unbestimmtheit unvollendeten Menschen auf. Sich in vorhandenen Kontexten
reflexiv und aktiv aus Strukturen der Unterdrückung zu befreien, wird durch das Vorfinden
dialogischer Sprachräume möglich. Über die Sprache entsteht Bewusstseinsbildung – nicht als
isolierter Begriff, sondern als ein ›Sichvollziehen‹ in der Welt. Solange Erfahrung sprachlos
bleibt, ist Sprache sinnlos und Erfahrung folgenlos. Mit Hilfe des Dialogs als substantielles
Element für Bildungsprozesse werden Anschauungen, Haltungen und Erfahrungen sprachlich
erarbeitet.
Wenn die Erkenntnis entsteht, in der Entwicklung behindert worden zu sein, muss nach Freire
ein Kampf zur Humanisierung beginnen. Die Beseitigung möglicher Unterdrückung durch
äußere ökonomisch-soziale Ausbeutungsverhältnisse und der ›Kultur des Schweigens‹ sieht
Freire zunächst in der Beseitigung von inneren Dispositionen, durch die Unterdrücktwerden
überhaupt erst ermöglicht wird. Er analysiert, dass das Bewusstsein des Menschen, der eine
Vorschrift erhält, mit dem Bewusstsein des Vorschreibenden konform geht (vgl. Freire 1981
[1970], S. 9). Sich dieser internalisierten Bilder bewusst zu werden, um sie vertreiben zu können
und durch Autonomie und Eigenverantwortung zu ersetzen, bedeutet Freiheit. Durch
Bewusstseinsbildungsprozesse kann erkannt werden, dass Unterdrückte selbst ›Behauser‹ des
Unterdrückers wurden. Doch zu beobachten ist, dass genau davor Menschen häufig Angst
haben und in einen Konflikt geraten, entweder sie selbst zu sein oder sich abzuspalten,
Vorschriften zu folgen oder frei zu handeln, den Unterdrücker aus sich selbst zu vertreiben oder
nicht. Freiheit wird somit nicht geschenkt, sondern nur im Kampf errungen. Den
Enthumanisierungsprozess zu beenden, bedeutet einen schmerzvollen Geburtsvorgang, der
Hebammendienst im Dialog mit anderen benötigt (vgl. ebd. S. 34ff.). Freire zeigt auf, wie im
Dialog mit anderen durch die Reflexion von Menschen auf die Welt und die Aktion an der Welt
Domestizierung überwunden und die Welt verändert werden kann.
Freire wählt für seine Befreiungspädagogik das ihm jeweils passend Erscheinende
verschiedener Denksysteme aus und gewinnt durch die Vielfalt und inspirierende
Widersprüchlichkeit reflexiv neue Handlungsoptionen. Somit kann Freire als Eklektiker
bezeichnet werden, der die Reduktion von Wirklichkeit auf eine bloß abstrakte Idee ablehnt
und scheinbar Widersprüchliches wie gleichzeitig Christ und Marxist zu sein, miteinander
vereinbart. Che Guevara und Martin Luther King sind Freires Vorbilder, seine christliche
Erziehung, theologische Bildung, eigene Erfahrungen mit Menschen sowie Marx, die
existentialistische Philosophie Sartres, die existentialistisch-christliche Philosophie Marcels
sowie Einflüsse von Buber, Fromm, Marcuse und Rogers, Ortega y Gasset, Unamuno, Husserl,
Jaspers, der Einfluss Hegels, ein Rückgriff auf den Historischen Materialismus wie auch auf
Mao Tse-tung werden in seinen Texten erkennbar. Glaube, Liebe und Hoffnung sind für Freires
Denken und Handeln entscheidende Bausteine, welche die tätige Absage an Unterdrückung
untermauern und auf eine neue Lebensweise in Solidarität und Nächstenliebe hinweisen.

Die Entscheidungsfähigkeit und der Aufgabencharakter des Menschen bilden die Essenz von
Freires Befreiungspädagogik. Sie wird bestimmt und begründet durch eine Anthropologie, die
den Menschen in seiner Situation verwurzelt sieht. ›In und mit der Welt‹ zu sein, bedeutet für
Freire aber keineswegs, Identifikation mit der gegebenen Situation. Er betont im Gegenteil,
dass der Mensch mittels seines Bewusstseins, aus dem Gegebenen heraustreten und es durch
intentionale Zuwendung transzendieren kann. Die dabei ins Spiel kommenden dialektisch
untrennbar aufeinander bezogenen Elemente ›Reflexion‹ als Distanzierung vom Objekt und
›Aktion‹ als Hinwendung zum Objekt sind nötig, um eine sinnvolle Praxis und gelingende
Integration des Menschen zu gewährleisten. In der Fähigkeit, die vorgefundene Welt
schöpferisch zu verändern und immer wieder neu zu konstruieren, sieht Freire die Bedingung
für die Bildsamkeit von Menschen als Wesen im Prozess des Werdens, welches als
unvollendetes Wesen in einer unfertigen Wirklichkeit lebt und Kultur schöpferisch gestaltet
(vgl. Freire (1981 [1970], 68). Darin liegt für Freire die Freiheit des Menschen. Jede Form von
Sektierertum und Extremismus lehnt Freire ab, weil es die Übereignung des eigenen denkenden
Ich‘s an politische, religiöse oder andere Gruppenzusammenhänge bedeutet. Eine Basis für
persönliche, berufliche und politische Entscheidungen, kann nur die kritische Durchsicht
eigener und fremder Wahrheiten schaffen und Entfremdungsprozesse von sich selbst
verhindern. Wenn Menschen lernen, wieder Subjekt ihrer Handlungen zu sein, können sie zur
Freiheit von inneren und äußeren Zwängen gelangen. Dass Freire die Subjekthaftigkeit betont,
bedeutet aber nicht, dass er die Existenz absolut in sich selbst von anderen isoliert sieht, im
Gegenteil sieht er die Bedeutung der Existenz durch ihre Intersubjektivität bedingt.
›Menschwerdungsprozesse‹ entstehen somit nur im Dialog mit anderen. Dabei entwickelt sich
der Mensch in einem Suchprozess aus seiner Unvollendetheit heraus und überwindet, sich
bewusst werdend, äußere und verinnerlichte Grenzen sowie eine ›Kultur des Schweigens‹.
Um ›conscientização‹ zu ermöglichen, treffen sich Menschen als Dialogpartner im
herrschaftsfreien Raum und sprechen problemorientiert über generative Themen. Widersprüche
zwischen sich und Welt zu erkennen und Maßnahmen gegen unterdrückerische Verhältnisse
der Wirklichkeit zu ergreifen, gelingt, wenn der Mensch vom ›naiv- transitiven Bewusstsein‹,
zum ›semi-transitiven Bewusstsein‹ bis hin zur ›kritisch-transitiven Bewusstseinsstufe‹ gelangt.
Diese höchst Bewusstseinsstufe soll aber durch die – bis heute? – vorherrschende
Bildungsmethode verhindert werden. Das vorhandene Schulsystem mit seiner
Allokationsfunktion bildet eine Substruktur der gesellschaftlichen Gesamtstruktur. Das Dieses
von Freire benannte ›Bankierskonzept‹ als Methode der Unterdrücker dient der
Aufrechterhaltung des Status quo. Der antidialogische ›Bankiers-Erzieher‹ fragt nicht nach dem
Inhalt, sondern nur nach dem Programm, mit dem er eigenes Fragen ausschließt und an
anpassbare und beeinflussbare Schüler weitergibt (vgl. Freire 1989, S. 77f.). Nur der Lehrer
meint hierbei, über Wissen zu verfügen, welches er beim Schüler quasi wie in einem Bankdepot
anhäuft, um es bei Prüfungen erfolgreich wieder abzurufen. Dabei wird der Schüler als leerer,
nach Belieben befüllbarer Behälter angesehen. Seine Lebenswelt, Gedanken, Auffassungen und
Bedürfnisse bleiben dabei unberücksichtigt und der Schüler wird lediglich als Objekt
angesehen.
Akte der Befreiung als Gegenpol zu dieser vorherrschenden Methode können nur durch eine
dialogische Erziehung eingeleitet werden. Die von Freire entwickelte ›problemformulierende
Bildung‹ ermöglicht Lehrern und Schülern gemeinsam Erforscher von Wissen und Welt zu
werden. Dabei ist Lernen nicht das ›Fressen‹ fremden Wissens, sondern die Wahrnehmung und
Lösung der eigenen Lebenssituation als Problem. Entsprechend steht hier Lehren für
Problematisieren statt Programmieren, für das Aufwerfen von Fragen statt des Abkündigens
von Antworten, für die Provokation des Zöglings zur Selbstbestimmung statt der Einnistung
des Erziehers im Zögling (vgl. Lange in Freire (1981 [1970] S. 14). Die ›problemformulierende

Bildung‹ sieht die Hauptaufgabe des Lehrers darin, den Schüler zum kritischen Denken
anzuregen und ihn zu befähigen, die Wirklichkeit reflektierend, Probleme zu bearbeiten. Dieser
Weg verhindert schon in der Schule die ›Kultur des Schweigens‹, der Kritikunfähigkeit und
Anpassungswilligkeit und führt dazu, auch später soziale, politische und wirtschaftliche
Widersprüche zu begreifen und Maßnahmen gegen die unterdrückerischen Verhältnisse der
Wirklichkeit zu ergreifen. Auch Menschen, die seither nicht fähig waren, ihr Wort zu sagen,
können durch diese Bewusstseinsbildungsarbeit und dem Wiedergewinnen von Sprache
zukünftig aktiv ihr Leben gestalten.
Zur Befreiung von vorgefundenen Fesseln der Inhumanisierung ist es nötig, quasi wie in einem
Geburtsprozess mit Hilfe der Hebammenkunst dialogischer Gesprächspartner, Freiheit zu
bejahen, die eigene Lebensaktualität zu bestimmen, zu formen und die Wirklichkeit zu
transformieren. Im Bewusstsein, ein Mensch der sich wandelnden Geschichte zu sein, in
welcher wir als Werdende in einer unfertigen Wirklichkeit eingebunden sind, können
wir Zusammenhänge und Widersprüche in denen und mit denen wir leben, bewusst im Dialog
mit anderen erkennen und die vorgefundene Realität durch Reflexion und Aktion verändern.
Quellen
Freire, P. (1970/1981). Pädagogik der Unterdrückten. Hamburg: Rowohlt
Freire, P. (1977). Erziehung als Praxis der Freiheit. Beispiele zur Pädagogik der
Unterdrückten. Hamburg: Rowohlt
Freire, P. (1970/2007). Unterdrückung und Befreiung (hg. v. P. Schreiner, N. Mette, D.,
Oesselmann, D. Kinkelbuhr). Münster: Waxmann
Hernández, J. (1977). Pädagogik des Seins. Paulo Freires praktische Theorie einer
emanzipatorischen Erwachsenenbildung. Lollar: Achenbach
Lütjen, J. (2018). Aufklärung im Licht der Pädagogik. Möglichkeitsräume durch genuine
Perspektiven. Zur Kritik des Reduktionismus in Bildung und Erziehung. Gießen:
Psychosozial-Verlag

https://politeknik.de/p13524/
Artikel aus PoliTeknik Ausgabe 37

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